Literatur
- Toronto Resident’s Handbook of Neonatology (SickKids Clinical Pathway)
Wichtige Punkte
- Die therapeutische Hypothermie muss innerhalb des Zeitfensters von 1–6 Stunden nach der Geburt beginnen, um die Schädigungskaskade vor dem sekundären Energieversagen zu unterbrechen.
- Alle vier Einschlusskriterien sind erforderlich: ≥36 Wochen (SickKids: ≥35 SSW und >1,8kg), Alter ≤6h, Nachweis intrapartaler Hypoxie (pH ≤7,0 oder BE ≥ -16, oder akutes Ereignis mit Apgar ≤5 nach 10 min) und mittelschwere bis schwere Enzephalopathie.
- Die Ganzkörperkühlung strebt 33,5 ± 0,5°C für genau 72 Stunden an, mit kontinuierlicher rektaler oder ösophagealer Temperaturmessung.
- Die Wiedererwärmung muss langsam erfolgen — höchstens 0,5°C pro 1–2 Stunden über 6–12 Stunden — mit hoher Wachsamkeit für Krampfanfälle, Hypotonie und NEC.
- Kühlung vorzeitig nur bei refraktärer Hypotonie, persistierender Hypoxämie/PPHN oder lebensbedrohlicher Koagulopathie beenden; MRT des Gehirns an Tag 4–7.

Therapeutische Hypothermie bei neonataler HIE
Klinische Kriterien, 72-Stunden-Protokoll und Systemmanagement
Eine evidenzbasierte visuelle Referenz basierend auf dem Toronto Resident’s Handbook of Neonatology (SickKids Clinical Pathway)
Das kritische Zeitfenster für Neuroprotection

Das kritische Zeitfenster für die Neuroprotection
Die hypoxisch-ischämische Enzephalopathie (HIE) löst eine Kaskade von Zellschäden aus. Die therapeutische Hypothermie unterbricht diese Kaskade, aber nur, wenn sie während der spezifischen latenten Phase angewendet wird, bevor ein irreversibler Mitochondrienschaden eintritt.
- Primärer Energieversorgungsausfall: Die Insult: Akute oder chronische Beeinträchtigung des Gasaustauschs (z. B. Plazentaabriss, Nabelschnurvorfall) führend zu Hypoxie/Ischämie.
- Die latente Phase (Aktivierungskurve): Das Ziel: Einleitung der aktiven Kühlung innerhalb dieses streng definierten 1- bis 6-Stunden-Fensters nach Reanimation/Reperfusion zur Veränderung der neuronalen Entwicklungstrajektorie.
- Sekundärer Energieversorgungsausfall: Anfälle, Zelltod und irreversibler Mitochondrienkollaps.
Die vier Säulen der Aufnahmekriterien
Ein Neugeborenes muss alle vier Kriterien erfüllen, um für das therapeutische Hypothermie-Protokoll in Frage zu kommen.
- Säule 1: Gestationsalter & Gewicht — ≥ 36 Wochen (SickKids-Pathway: ≥ 35 Wochen + >1,8 kg).
- Säule 2: Postnatales Alter — Alter ≤ 6 Stunden post partum.
- Säule 3: Intrapartale Hypoxie — Biochemische oder klinische Evidenz eines schweren hypoxischen Ereignisses (Siehe Diagnostischer Algorithmus).
- Säule 4: Enzephalopathie — Zeichen einer moderaten bis schweren Enzephalopathie, definiert durch klinische Anfälle ODER ≥3 Punkte auf der modifizierten Sarnat-Matrix.
Definition von Intrapartale-Hypoxie-Befunden

Definition von Zeichen der intrapartalen Hypoxie
Um Kriterium 3 zu erfüllen, muss die klinische Präsentation des Neugeborenen ENTWEDER Pfad A ODER Pfad B entsprechen.
- Pfad A: Schwere biochemische Azidose — Nabel- oder postnatale Blutgasanalyse innerhalb von 1 Stunde zeigt: pH ≤ 7,0 ODER Basendefizit (BE) ≥ -16.
- Pfad B: Moderate Azidose + klinische Depressionen — Blutgasanalyse nicht verfügbar ODER zeigt pH 7,01 bis 7,15 (BE -10 bis -15,9) UND Zeichen eines akuten perinatalen Ereignisses (Plazentaabruptio, Nabelschnurprolaps, schwere Dezelerationen) UND APGAR ≤ 5 bei 10 Minuten ODER fortgesetzte assistierte Beatmung/Reanimation bei 10 Minuten.
Die modifizierte Sarnat-Matrix
| Mild | Moderat | Schwer | |
|---|---|---|---|
| Bewusstseinszustand | Hyperalert | Lethargie | Stupor/Koma |
| Körperhaltung | Leichte distale Flexion | Distale Flexion, vollständige Extension | Dezerebriert |
| Muskeltonus | Normal | Hypotonie | Schlaff |
| Reflexe | Saugreflex schwach, Moro stark | Saugreflex schwach, Moro unvollständig | Absent |
| Vegetativ: Pupillen | Erweitert | Verengt | Skew-Deviation / Erweitert / Reaktionslos |
| Vegetativ: Vitalzeichen | Tachykardie, normale Atmung | Bradykardie, periodische Atmung | Variable HF, Apnoe |
Indikation für Kühlung: Klinische Anfälle ODER ≥3 von 6 Items in den Spalten Moderat/Schwer.
Die Parameter des 72-Stunden-Kühlprotokolls

Parameter des 72-Stunden-Kühlprotokolls
Passive Kühlung sofort einleiten; Transfer in eine Tertiärversorgung-NICU für aktives Management.
- Zieltemperatur: 33,5 ± 0,5°C für Ganzkörperkühlung. (34,5 ± 0,5°C bei Selective-Head-Cooling).
- Dauer & Monitoring: Zieltemperatur streng für 72 Stunden beibehalten. Überwachung mittels kontinuierlicher rektaler oder ösophagealer Temperatursonde (ösophageale Platzierung mit CXR bestätigen).
- Temperaturkontrollen: Alle 15 Minuten in den ersten 4 Stunden dokumentieren, dann stündlich für 12 Stunden, dann alle 2 Stunden bis zur Beendigung.
- Initiale FEN-Status: NPO-Status beibehalten. Totale parenterale Ernährung (TPN) einleiten.
Systems-Management-Dashboard: Teil I
Supportive Therapie während Hypothermie erfordert sorgfältige Überwachung mehrerer Organsysteme.
- Flüssigkeiten, Elektrolyte & Ernährung (FEN): NPO-Status beibehalten; TPN starten. Erhaltungsflüssigkeiten bereitstellen, aber strikt Flüssigkeitsüberladung vermeiden. Normoglykämie beibehalten (2,6 – 8,0 mmol/L; Kontrolle alle 4-6 Stunden). Aktiv Hypokalzämie, Hypomagnesiämie und Hyponatriämie korrigieren.
- Kardiovaskulär: Mittleren arteriellen Druck (MAP) 40-50 mmHg anstreben. Invasives Blutdruckmonitoring erwägen. Hypotonie mit Flüssigkeitsresuscitation und Inotropen unterstützen; primäre Herzfunktionsstörung ausschließen.
- Respiratorisch: Adäquate Oxygenierung sicherstellen. Strikt Hyperoxie und Hypokapnie vermeiden (verschlimmert zerebralen Vasokonstriktion). Blutgase eng überwachen, um sich entwickelnde Azidose zu überwachen.
Dashboard für Systemverwaltung: Teil II

Systemverwaltungs-Dashboard: Teil II
- Niere: Verlauf von Kreatinin, Harnstoff, Elektrolyten und Urinausscheidung beobachten. Hohe Wachsamkeit für Flüssigkeitsüberladung, Syndrom der inadäquaten Antidiuretisches Hormon (SIADH) oder Akute Tubulusnekrose (ATN).
- Hepatisch & Metabolisch: Auf Hyperbilirubinämie überwachen. Leberfunktionswerte (LFTs) im Hinblick auf Leberschaden verfolgen. Umfassende metabolische Untersuchung einschließlich Laktat und Ammoniak in Betracht ziehen.
- Neurologisch & Sedierung: Kontinuierliches aEEG +/- cEEG-Monitoring arrangieren. Anfälle umgehend behandeln. Muskelzittern und Unruhe mit Dexmedetomidin steuern. Schmerz mit niedrig dosierter Opioid-Infusion behandeln.
- Hämatologisch: Auf Anämie überwachen (pRBC transfundieren, wenn Hb niedrig ist; IVH in Betracht ziehen, wenn Hb aktiv sinkt). Auf Koagulopathie und Disseminierte Intravaskuläre Gerinnung (DIC) überwachen.
Erwartete Komplikationen der Hypothermie
Aktive Kühlung unterdrückt den Stoffwechsel sicher, belastet aber gezielt bestimmte physiologische Systeme. Erwarten und überwachen Sie:
- Kardiopulmonal: Sinusbradykardie (während der Kühlung oft physiologisch), Hypotonie und Pulmonale Hypertonie (PPHN) mit beeinträchtigter Oxygenierung.
- Hämatologisch: Milde Thrombozytopenie und sich entwickelnde Koagulopathien aufgrund veränderter Enzymkinetik bei niedrigeren Temperaturen.
- Dermatologisch: Subkutane Fettnekrose (präsentiert sich als feste, erythematöse Knoten, oft auf dem Rücken oder Gesäß, mit Risiko für verzögerte Hyperkalzämie).
Notfallabbruch: Indikatoren zum Beendigen der Kühlung

Notfall-Beendigung: Indikationen zum Stoppen der Kühlung
Die therapeutische Hypothermie muss vor dem Ablauf von 72 Stunden beendet werden, wenn der Säugling ein extremes physiologisches Versagen zeigt, das auf maximale medikamentöse Therapie nicht anspricht.
Abbruch-Checkliste
- Kardiovaskuläres Versagen: Therapierefraktäre Hypotonie, die trotz gesteigerter Inotropika-Unterstützung nicht anspricht.
- Respiratorisches Versagen: Persistierende Hypoxämie und pulmonale Hypertension trotz 100% O2 und gezielter pulmonaler Vasodilatatoren-Therapie (z. B. iNO).
- Hämatologisches Versagen: Lebensbedrohliche, therapierefraktäre Gerinnungsstörung, die mit Blutprodukten nicht stabilisiert werden kann.
Die Ausstiegsstrategie: Kontrolliertes Wiedererwärmungsprotokoll
Einleitung exakt nach 72 Stunden Kühlung. Schnelle Wiedererwärmung verursacht schwere Vasodilatation, Hypotonie und senkt die Anfallsschwelle.
- Schritt-Schema: 33,5°C (0h) → 34,5°C (1h-2h) → 35°C (3h-4h) → 35,5°C (5h-6h) → 36°C (7h-8h) → 36,5°C+ (9h-12h), mit kontinuierlicher Anfallsüberwachung bei jedem Schritt.
- Die Anstiegsgeschwindigkeit: Zielwert ist ein Anstieg von nicht mehr als 0,5°C pro 1 bis 2 Stunden. Die gesamte Wiedererwärmungsdauer sollte 6 bis 12 Stunden umfassen.
- Neurologische Wachsamkeit: Bleiben Sie auf hoher Alarmstufe für zunehmende Anfallshäufigkeit, da der kortikale Stoffwechsel beschleunigt wird.
- GI-Überlegungen: Führen Sie enterale Ernährung äußerst umsichtig ein; der post-asphyktische, post-hypotherme Darm trägt ein deutlich erhöhtes Risiko für nekrotisierende Enterokolitis (NEC) mit sich.
Nach dem Aufwärmen und Erhaltung

Nach der Wiedererwärmung und Erhaltung
- Neuroimaging: Stellen Sie sicher, dass die Wiedererwärmungsphase erfolgreich abgeschlossen wurde. Veranlassen Sie eine Gehirn-MRT nach der Wiedererwärmung (typischerweise zwischen Tag 4-7 des Lebens), um das Ausmaß von Schädigungen der weißen Substanz, der Basalganglien oder der Hirnrinde genau zu beurteilen.
- Anfallsbehandlung: Falls der Säugling während der Kühlungsphase ein Antiepileptikum benötigte (z. B. Phenobarbital-Aufladebehandlung), bewerten Sie die Notwendigkeit einer Erhaltungsdosis vor der Entlassung neu.
- Normalisierung der Organsysteme: Reduzieren Sie die respiratorische und kardiovaskuläre Unterstützung graduell, wenn sich die Hämodynamik bei Normothermie stabilisiert.
Zusammenfassung: Das HIE-Kühlungs-Merkblatt
- 1. Einschlusskriterien (alle 4 erforderlich): GA ≥ 36w (oder ≥35w + >1,8kg); Alter ≤ 6 Std.; Hypoxie (pH ≤ 7,0 ODER BE ≥ -16 ODER akutes Ereignis + APGAR ≤5 bei 10 Min.); Mäßig/schwerer Sarnat-Score (Anfälle ODER ≥3 Zeichen).
- 2. Protokollparameter: Temp: 33,5 ± 0,5°C; Dauer: 72 Stunden streng; NPO & TPN; Dexmedetomidin gegen Schüttelfrost; niedrig dosierte Opioide gegen Schmerzen.
- 3. Abbruchkriterien: Refraktäre Hypotonie (maximale Inotropika); Anhaltende Hypoxämie (maximales O2/iNO); Lebensbedrohliche Gerinnungsstörung.
- 4. Wiedererwärmung: Rate: ≤ 0,5°C pro 1-2 Stunden; Dauer: insgesamt 6-12 Stunden; Hohes Risiko: Anfälle, Hypotonie, NEC; Maßnahme: MRT nach Wiedererwärmung.

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Häufige Fragen
Wann muss die therapeutische Hypothermie beginnen?
Innerhalb von 1–6 Stunden nach der Geburt (Alter ≤6h), in der Latenzphase vor dem irreversiblen mitochondrialen Versagen.
Was sind Zieltemperatur und Dauer?
33,5 ± 0,5°C bei Ganzkörperkühlung, genau 72 Stunden gehalten (34,5°C bei selektiver Kopfkühlung).
Was sind die Einschlusskriterien?
Alle vier: GA ≥36 SSW (oder ≥35 und >1,8kg), Alter ≤6h, Nachweis intrapartaler Hypoxie und mittelschwere bis schwere Enzephalopathie (Anfälle oder ≥3 Sarnat-Zeichen).
Wie schnell darf wiedererwärmt werden?
Höchstens 0,5°C alle 1–2 Stunden, über insgesamt 6–12 Stunden.
Wann sollte die Kühlung vorzeitig beendet werden?
Bei refraktärer Hypotonie, persistierender Hypoxämie/pulmonaler Hypertonie trotz 100% O2 und iNO oder lebensbedrohlicher Koagulopathie.

